REVUE JUIVE
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dem Druck der Ereignisse sich häufenden Erklärungen der
leitenden Staatsmänner auch die Taten folgen würden, d.h.
wenn nicht alles nur Menschenmögliche von den Siegerstaaten
getan würde, um den Opfern der Verfolgung zu einer Wieder­
gutmachung der ihnen zugefügten wirtschaftlichen Schäden
zu verhelfen ?
Freilich, die als Nazifeinde sinn — und ruchlos hinge­
schlachteten Millionen wehrloser Menschen sind nicht mehr zum
Leben zu erwecken! Aber die Wiedergutmachung des ange­
richteten wirtschaftlichen Unrechtes ist möglich, weil sie nach
der allgemeinen Anschauung der ganzen gesitteten Welt
erfolgen muss. Diese Wiedergutmachung ist zwar keine ‫״‬ jü­
dische Frage“ im engeren Sinne. Denn es handelt sich bei den
durch Nazismus und Faschismus angewandten Entrechtungs­
methoden um ein Princip, das grundsätzlich in gleicher, zum
mindesten aber ähnlicher Weise sowohl aus rassischen, wie aus
politischen oder aus Glaubensgründen zur furchtbaren prak­
tischen Durchführung gelangte. Allerdings : das Judentum ist
— darüber besteht nunmehr kein Zweifel — der haupt-leid­
tragende Teil bei den grauenhaften Ausrottungs — und Ent­
rechtungsmethoden gewesen. Das Judentum wurde von den
Uranfängen des Nazismus an als ‫״‬ Staatsfeind Nr. 1“ erklärt.
Und gegen das Judentum richteten sich die fein ausgeklügelten,
bis in alle Einzelheiten abgewogenen antijüdischen Gesetze und
Verordnungen, die allen Entrechtungshandlungen den Mantel
der ‫״‬ Legalität“ umlegen sollten. Erst später — und zunächst
noch zögernd — wandte man sich auch gegen andere nazi­
feindliche Gruppen, wie z.B. gegen den katholischen Clerus
und aufrechte evangelische Geistliche.
Die oft raffiniert ausgedachten Erscheinungsformen der
Entrechtungen und die durch sie verursachten Schäden sind
mittlerweile in allen Einzelheiten der Oeffentlichkeit bekannt
geworden. (Vgl. hierzu die Ausführungen des Verfassers im
I landeisteil der « Neuen Zürcher Zeitung » vom 26. Juni 1945
Nr. 993). Uber das Prinzip der praktischen Wiedergutmachung
herrscht aber offenbar bis jetzt weder in den massgebenden
Kreisen der Allierten noch auch bei den Betroffenen restlose
Klarheit. Zwar haben bereits einige Staaten (Frankreich,
Italien, Holland) die diffamierenden und wirtschaftlichen anti­
jüdischen Entrechtungsverordnungen der Nazis mit rückwir­
kender Kraft aufgehoben1. Aber damit ist die grundsätzliche
Lösung des Problems der Wiedergutmachung noch nicht
1 Mittlerweile sind in allen «befreiten Ländern» die aus rassischen,
politischen und Glaubensgründen erlassenen Spoliationsgesetze und —
Verordnungen aufgehoben worden.
 

La Revue Juive de Genève. Vol. 8 n° 6-7 fasc. 76-77 (août-septembre 1945) - 1/1