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REVUE JUIVE
so will.ich denn versuchen das Fazit meines Erlebens auf eine
einfache, praktisch zu handhabende Formel zu bringen.
Die Judenfrage ist weder eine wirtschaftliche, soziale, histo­
rische oder politische allein. Sie ist vielmehr eine solche, welche
alle jene Einzelbezüge in sich schliesst, wozu noch manche andere
treten, die man als Imponderabilien anzusprechen hat. Somit
ist sie in hervorragendem Masse ein kulturphilosophisches Pro­
blem. Hieraus allein ergibt sich schon die Möglichkeit ihrer
mannigfachen Deutung, denn für kulturphilosophische Fragen
gibt es ebenso wie für rein philosophische eine Reihe von Lösungs­
versuchen. Es ist hier nicht meine Aufgabe zu untersuchen,
warum es der menschlichen Gesellschaft bis jetzt nicht gelungen
ist, in der Judenfrage die notwendigen Lösungsversuche zu
unternehmen, geschweige denn sie einer Lösung zuzuführen.
Aber jeder kulturphilosophisch denkende Mensch muss sich
heute darüber klar sein, dass ihre Bereinigung mehr als je zu
den akuten Fragen der zivilisierten Menschheit gehört. Dass man
die Judenfrage angesichts der so überaus brennenden allgemeinen
sozialen Probleme der letzten 150 Jahre vernachlässigte, ist
kulturkritisch zu verstehen. Aber die grossen sozialen Probleme,
an denen man so leidenschaftlich gearbeitet hat, für die man
Gut und Blut opferte, für die gewaltige Revolutionen ausbrachen
und grosse Denker ihr letztes hergaben, sind tatsächlich heute,
wenn auch nicht restlos gelöst, so doch einer Klärung sehr nahe
gebracht worden. Hierzu kommt aber noch ein anderer histo­
risch-kritischer Entschuldigungsgrund. Man konnte im Verlauf
der zivilisatorischen, die Unterschiede zwischen Menschen,
Völkern und Rassen anscheinend einebnenden Entwicklung
unserer Epoche tatsächlich annehmen, dass sich eine besondere
konstruktive Lösung der jüdischen Frage erübrige.
Jeder weiss heute, und dies ist von grösster Bedeutung für
unsre Frage — dass eine solche Beurteilung der modernen
Kulturlage ein Fehlschluss war. Die Weltgeschichte entwickelt
sich nicht nach logischen Denkgesetzen und das Irrationale in
der Geschichte der Menschheit bleibt gerade ihr tiefstes Geheim­
nis und ihr höchster Reiz. Heute, da wir die Entwicklung der
modernen Zivilisation mit ihrer von Tag zu Tag sich vervoll­
kommnenden Technik — und in gewissem Sinne auch in ihren
Zukunfstproportionen — überschauen können, h eu te. da die
Kontinente wie Kristalle zusammenschiessen, der Raum sich
verkürzt, die Zeitbegriffe sich wandeln, das physikalische Welt­
bild sich immer mehr der Einheit nähert, muss die Kultur­
philosophie mit dem kältesten Kalkül feststellen, dass die Kultur­
menschheit der neuen gewaltigen Epoche der zivilisatorischen
und räumlichen Angleichung bewusst in nationalen Einheiten
entgegengeht.
 

La Revue Juive de Genève. Vol. 9 n° 7-8 fasc. 87-88 (novembre-décembre 1946) - 1/1